Kunst & Kulinarisches: Friedhelm Rathjen

Friedhelm Rathjen präsentiert die Kunst des Übersetzens.

Ist der Ruf erst ruiniert, braucht keine Rücksicht mehr genommen zu werden, und der Ruinierte kann befreit aufspielen. Oder übersetzen. Friedhelm Rathjen übersetzt rücksichtslos, denn seinen Ruf hat er weg. Die „Welt“ hat nicht ganz zu Unrecht befunden: „Rathjen muss als Deutschlands sturster Übersetzer gelten.“ Etwas weniger schroff formuliert das die „Rheinische Post“, sie spricht von „Friedhelm Rathjen, der zu den gestrengen Dienern fremder Sprachen zählt.“ Einig sind sich beide Zeitungen und viele andere Kommentatoren in der Auffassung, hier betreibe einer einen exzessiven Extremismus. Ob das wirklich so ist (und wenn ja: warum), mag selbst beurteilen, wer Rathjen aus seinen Übersetzungen lesen und über seine Übersetzungen reden hört. Die Gelegenheit ist dazu geben wir Ihnen: Rathjen wird vornehmlich Extremfälle der Übersetzungskunst vorstellen, darunter seine kontrovers diskutierte Eindeutschung des „Moby-Dick“ von Herman Melville und seine Brachialfassung von Mark Twains „Huckleberry Finn“, die mehr als alle vierzig übrigen deutschen Übersetzungen zeigt, daß der „Huck Finn“ kein niedliches Jugendbuch ist, sondern eine bitterböse schwarze Satire. Wenn Rathjen ohne Rücksicht auf die eigenen Stimmbänder aus diesen schroffen Übersetzungen liest, bleibt kein Auge trocken, und nur böswillige Kollegen oder stocktaube Zuhörer können dann noch behaupten, Rathjens Fassungen seien „unlesbar“.

Friedhelm Rathjen, Jahrgang 1958, hat sowohl Klassiker der englischen und amerikanischen Literatur (neben Melville unter anderem Robert Louis Stevenson, Mark Twain, James Joyce, Gertrude Stein, Charles Olson, Edward Thomas, Richard Jefferies sowie die Tagebücher von Meriwether Lewis und William Clark) als auch ganz unklassische Gegenwartsautoren (Christopher Buckley, Tom Murphy, Jonathan Ames und andere) übersetzt und sogar Songtexte von Jimi Hendrix übersetzt. Der „wunderbar kreative und kraftvolle Übersetzer Rathjen“ (Die Welt) ist „ein strenger Diener fremder Sprachen in Deutschland“ (Frankfurter Rundschau). Zu seinen gut 900 Veröffentlichungen gehören außerdem etliche Bücher und viele Aufsätze über Arno Schmidt, James Joyce und Samuel Beckett, aber auch Gedichte, Kurzprosa, Reiseberichte sowie satirische Studien zu den Rockfestivals von Woodstock und Scheeßel, zu Arno Schmidt als Lennon-Übersetzer und zum Leben mit Hendrix. Zu seinen jüngsten eigenen Büchern zählt „Von GET BACK zu LET IT BE – Der Anfang vom Ende der Beatles“.

Kleine Textprobe:
Nu, die Leichenpredigt war ziemlich gut, aber ätzend lang und ermüdend; und dann hat sich der König dazwischengedrängelt und 'n bißchen was von seinem üblichen Müll abgelassen, und schließlich war's dann überstanden, und der Leichenbestatter ist mit seinem Schraubenzieher zu 'm Sarg vorgeschlichen gekommen. Da war ich ganz schön in Schweiß und hab den ganz schön scharf in 'n Augen behalten. Aber der hat gar nicht lang drauf rumgemurkst; schob den Deckel einfach zurecht, so weich wie Maisbrei, und schraubte 'n schnell und feste zu. Da saß ich da! Ich wußte gar nicht, ob das Geld da noch drin war oder nicht.
(Mark Twain, „Abenteuer von Huckleberry Finn“, Kap. 27; Übersetzung: Friedhelm Rathjen)


Lebhaft vorgetragene Übersetzer-Kunst wird eingebettet in ein reizvolles gastronomisches Umfeld von kulinarischen Leckereien, die das Öffnet externen Link in neuem FensterRestaurant Café NebenAn in drei am Tisch servierten Gängen und einem den Abend beschließenden Nachtisch-Buffet bereit stellt. Eine lockere Abfolge von Vortrag, Speis' und Trank begleitet die Gäste durch den kurzweiligen Abend.