Samstag, 27.03.2010: Colin Wilkie und Wizz Jones

Acoustic Songs and Blues

Ein Hochgenuss für Freunde der akustischen Musik.

Colin Wilkie und Wizz Jones sind jeder für sich schon eine lebende Legende der weltweiten Songwriterszene. Gemeinsam sind sie unschlagbar. Zwei Individuen, denen die Intensität einer rückhaltlosen Überdosis Lebendigkeit ins Gesicht gemeißelt steht, Virtuosen im Leben wie auf ihrem Instrument. Die beiden Briten sind seit Jahren befreundet, und ihr symbiotisches Musizieren zeugt von einer tiefen inneren Übereinstimmung

Während Liedermacher in Deutschland erst in den 70er und 80er Jahren große Erfolge feierten, setzten Sänger/Liedschreiber im englischsprachigen Einflussbereich seit über 100 Jahren prägnante Akzente und schufen in der Vergangenheit musikalische Werke, die sich Alltags- sowie Liebesleben des Menschen orientieren und virtuos feinsinnige Spiegel der Erlebniswelt sind.

Zu den klangvollen Namen der Szene zählen seit Jahrzehnten die beiden Musiker Colin Wilkie und Wizz Jones. Beide beeinflussten zahlreiche Interpreten, die heute Weltruhm erlangt haben, und viele Stücke der beiden Singer/ Songwriter geniessen ebenso wie die Arbeiterlieder eines Woody Guthrie, die politischen Protestsongs eines Pete Seeger oder die Träume eines Arlo Guthrie unbestrittenen Ewigkeitscharakter.

Wizz Jones braucht weder Plekton noch Picks noch Fingernägel. Er spielt mit den bloßen Fingerkuppen und nötigt den sechs Saiten Tonfolgen ab, von denen Koryphäen nur träumen können. Er hat seine eigene Spielweise, wie er über die Saiten jucket und dazu den Hals, den ganzen Gitarrenkorpus wiegt und biegt wie ein Tangotänzer seine Partnerin - wenn auch der Rhythmus ein anderer ist.

Wizz Jones singt Songs, längst nicht nur, aber auch seine eigenen. Er hat nicht viele eigene Stücke, die ihn selbst in ihrer Qualität so überzeugen, dass er dafür auf gute Fremdkompositionen verzichten mag. Und so ist sein Repertoire, ist sein Programm gespickt mit akustischen Kleinodien, die er sich aus vorhandenem Material entnommen hat: „Hey hey, Woody Guthrie, Bob Dylan wrote you this song“, andere sind von Mississippi John Hurt, es sind Blues-, Folk- und Country-Standards, die aber nicht nach Cover klingen, sondern nach Wizz Jones, denn er macht mehr aus ihnen, als einfach nur nachgesungene Lieder.

Seine Spieltechnik mit der rechten Hand erlaubt es ihm, die Songs mit einem Beat zu unterlegen, den kein Schlagzeug besser akzentuieren könnte. Aber er widersteht der Verführung, zu häufig auf dieses Stilmittel zurück zu greifen: Wenn’s denn dem Song zugute kommt, dann ja - wenn nicht , dann eben nicht.

Er kann es sich leisten, darauf zu verzichten, denn er hat ein schier unerschöpfliches Reservoire an Stilmitteln zur Verfügung. Dazu singt und spielt er nicht nur verhalten mit den dafür unbedingt nötigen Körperteilen, sondern entwickelt eine Energie, die sich über seinen ganzen Körper entlädt. Er tanz zur eigenen Musik auf dem Stuhl mit einer Power, die manchen jungen selbsternannten Power-Rockern abgeht, die nur ein Drittel oder ein Viertel so alt sind wie er. Beeindruckend. So möchte man seine Kräfte auch bewahrt wissen. Schon seit den 60er Jahren wurde diesen beiden englischen Musikern jeweils der Stempel der Legende aufgedruckt. Und beide mögen die Bezeichnung „Lebende Legende“ nicht besonders. Jeder für sich hat jedoch auf seine Art die internationale Folkszene entscheidend mit geprägt.

Wizz Jones, der vor 45 Jahren in seiner Heimatstadt Croydon begann, hatmit seinem bluesigen Gitarrensound Musiker wie Rod Stewart und Eric Clapton beeinflusst, sowie Generationen von Gitarristen auf der ganzen Welt. In den 60er- und 70er Jahren war er beliebter Dauergast bei den größten Folkfestivals und hinterließ besonders in der deutschen Gitarrenszene eine breite Spur. Kaum jemand konnte sich dem Charme und Groove seiner Musik entziehen.

Colin Wilkie wurde besonders durch das Duo mit seiner Partnerin Shirley Hart bekannt und gab als Singer/Songwriter unzählige Konzerte.

Seit seinem 18. Lebensjahr spielte Colin Wilkie in England Schlagzeug in Jazz- und Dancebands sowie Skiffle- und Popgruppen; später fand er dann als Autodidakt zum Gitarrespiel. Er eröffnete 1960 in Bromley zusammen mit seinem Freund John Glen einen eigenen Folkclub. Als Gäste traten unter anderem Alex Campbell, Redd Sullivan und Martin Winsor auf. Im Sutton Folk Club lernte er 1960 die englische Folksängerin Shirley Hart kennen. Gemeinsam machten sie in Frankreich Straßenmusik und spielten in den Niederlanden, Belgien, Schweden und in der Schweiz. Schließlich blieben sie ab 1966 in Deutschland, als Colin für Franz Josef Degenhardt für das Stück Leben und leben lassen Melodien zu einigen Texten komponieren sollte.

Der Produzent Peter Palitsch schlug vor, dass Shirley und Colin auf der Bühne selbst einige Lieder singen sollten. Das Stück (mit Hannelore Hoger) lief anderthalb Jahre lang im Staatstheater Stuttgart. Wilkie schrieb in den späten 1950er Jahren seine ersten Lieder für die Popgruppe The Moonbeams. Von früh an hat er sich politisch engagiert, zum Beispiel bei den Ostermärschen. Er war mit dem amerikanischen Songwriter Phil Ochs befreundet, dessen Lieder er sehr schätzt. Das Folkduo Colin Wilkie & Shirley Hart trat auf fast allen Burg-Waldeck-Festivals auf, zusammen mit Hein und Oss , Reinhard Mey, Franz Josef Degenhardt, Hanns Dieter Hüsch und vielen anderen.

Wilkie schrieb englische Texte für Werner Lämmerhirt, Konstantin Wecker und Pe Werner und verfasste viele Lieder, die von anderen Sängern übernommen wurden, beispielsweise von Hannes Wader, Le Clou und Liederjan. Seine am häufigsten von anderen Künstlern aufgenommenen Lieder sind Icy Acres und You Won’t Get Me Down In Your Mine; sein bekanntestes Lied wurde One More City (die von Hannes Wader ins Deutsche übertragene und gesungene Version lautet Manche Stadt). Für die 1996 erschienene CD I Wish I'd Written That Song. A Tribute to Colin Wilkie singen zahlreiche Künstler seine Lieder, so zum Beispiel Ray Austin, Julian Dawson, Franz Josef Degenhardt, Joana, Liederjan, Reinhard Mey und Bill Ramsey.